Im Verlauf der Zeit hat sich der Vierseithof der Familie von Reinersdorff gewandelt – geblieben sind seine offenen Türen.
Dienstag, 9.00 Uhr, Hohenseeden. Hmmm, wie das duftet! Im Haus der von Reinersdorffs gibt’s selbstgebackene Brötchen. „Gerade aus dem Ofen. Frisch, knusprig, unwiderstehlich“, lädt Martin von Reinersdorff (54) ein. „Bei uns eine allseits geschätzte Tradition – und das bereits seit Generationen! Meine Mutter backt seit 35 Jahren selber und in großen Mengen. Schon allein deshalb, weil hier seit eh und je viele Menschen ein- und ausgehen, unser Haus fast immer voller Leben war und ist.“
Früher wurde – im gemauerten Backofen – Brot gebacken. Heute sind es vor allem Brötchen. Jedes davon ein Unikat. „Weil der Teig so fluffig ist, dass du ihn mit dem Löffel auf‘s Blech geben kannst, hat jedes seine ganz eigene Form“, beschreibt Enkelin Sofie (21), die wissen will: „Oma, wie kriegst du das bloß so lecker hin?“ „Schau zu, lerne und probiere es aus“, sagt Oma Gabriele von Reinersdorff. Die 82-Jährige freut sich, dass ihr Selbstgebackenes im wahrsten Wortsinn nach wie vor weggeht wie warme Semmeln und ihr Können auch bei nachfolgenden Generationen gefragt ist.
Auch schon vor ihrer Zeit seien Brote für die Arbeiter auf den Feldern und in den Ställen geschmiert worden, erzählt sie. „Belegt mit Schweineschmalz aus eigener Schlachtung oder selbstgemachtem Pflaumenmus. Nach dem Krieg hatten wir dann noch zusätzlich Flüchtlinge aus Ostpreußen und Schlesien zu versorgen, die bei uns unterkamen und natürlich mitaßen.“ Heute seien es die Kinder und Enkelkinder, die – verteilt über die Bundesrepublik bis nach Schweden – gern und häufig in den Vierseithof der Familie nach Hohenseeden kommen. Und das freilich nicht nur wegen der Brötchen. „Hier liegen unsere Wurzeln. Das hier ist unsere Geschichte, der wir uns verbunden fühlen, und zugleich unser Familientreffpunkt, unser Ort der Begegnung und des Miteinanders“, sagt Martin von Reinersdorff.
Seit über 300 Jahren in Familienhand
1702 wurde der Hof erstmalig urkundlich erwähnt. Damaliger Eigentümer: ein Heinrich Hermes. Über drei Jahrhunderte folgten die Namen Thiede, Reppin und Meyer. „Ich bin eine geborene Meyer und vertrete die zehnte Generation unserer Familie“, sagt Gabriele von Reinersdorff, die hier 1943 das Licht der Welt erblickte. „Die letzten Reppins, auf die auch der Neubau des Hauses im Jahr 1905 zurückgeht, waren meine Urgroßeltern.“
Sie selbst wohnte bis 1962 auf dem Anwesen, bis sie mit knapp 19 den Pastor Folker von Reinersdorff heiratete und mit ihm ins gegenüberliegende Pfarrhaus zog. 1995 kehrten beide zurück, um sich um ihre Mutter Elsbeth zu kümmern, die ihr gesamtes Leben auf dem Vierseithof verbrachte.
Eierwerfen und Mutsprünge
Für den Lebensunterhalt sorgte über Jahrhunderte die Landwirtschaft: 70 Hektar Ackerland mit Kartoffeln, Weizen und Zuckerrüben, Wald, dazu Kühe, Schweine, Pferde, Hühner. Martin von Reinersdorff, die elfte Generation, erinnert sich an Kartoffelsammeln, Rübenziehen und Unkrautjäten, wo auch die Kinder mit angepackt haben. „Ich bin zwar im Pfarrhaus aufgewachsen, habe aber gern und viel Zeit auf dem Hof verbracht. Klar, hier gab‘s die wahren Abenteuer zu erleben und Mutproben mit den Kumpels zu bestehen. Auf dem Heuboden, im Wald, in den Ställen. Etwa, wenn wir heimlich Eier aus den Hühnernestern stibitzt haben, um sie beim Weitwurf gegen die Stalltüren zu zerschmettern. Wofür uns die Schelte der Erwachsenen sicher war – so sie uns erwischten. Oder die Sprünge vom Dachboden des Stalls in die Tiefe – und wehe dem, der dabei das Stroh verfehlte“, erzählt der Jurist, der heute als selbstständiger Mediator und Business Coach arbeitet und in Hamburg lebt.
Schritt für Schritt
Mit der Überführung in eine Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG) 1959 wurde der Familie Verwaltung und Bewirtschaftung ihres Anwesens für etliche Jahre aus der Hand genommen. Dass es der DDR an Mitteln und Material für Bewahrung und Instandhaltung fehlte, bekam der Hof deutlich zu spüren. „In jener Zeit wurde leider vieles vernachlässigt“, räumt Gabriele von Reinersdorff ein. Umso größer die Bürde, das Familienanwesen nach der Rückübertragung nicht nur vor dem Verfall zu bewahren, sondern wieder herzurichten und wohnlich zu machen. Schritt für Schritt haben Gabriele und Folker von Reinersdorff diese Herausforderung angepackt. „Für unsere verstreut lebende große Familie wollten wir den Vierseithof unbedingt erhalten – als Treffpunkt und Ort des Miteinanders“, sagt die Oma von inzwischen elf Enkelkindern und Uroma von drei Urenkeln.
Buchsbäume statt Misthaufen
Im Herzen des Hofes, das einst dem Misthaufen vorbehalten war, hat sie kreisrund Buchsbäume angepflanzt. „Für jedes Enkelkind einen. Allerdings kam dann noch unerwartet das elfte Enkelkind dazu. Da sein Buchsbaum nicht mehr ins Ensemble passte, durfte es sich einen eigenen Standort aussuchen“, erzählt sie lachend.
Bereits zuvor hatte das Ehepaar von Reinersdorff aus dem früheren Getreidelager und den damaligen Mädchenstuben Wohnraum für die älteste Tochter geschaffen. Der Schweinestall wurde zum Mehrzweckraum für Allerlei und bei Bedarf zur Ausstellungsfläche umfunktioniert. In der einstigen Tischlerwerkstatt hat sie mit den Frauen aus dem Dorf Erntekronen gebastelt, das Michaelisfest gefeiert und Brot gebacken. „Bei uns gab es ja genug Platz, wenn anderswo die Räumlichkeiten fürs Miteinander fehlten.“
Raum für Miteinander und neue Ideen
Später beteiligte sie sich an den Tagen des offenen Gartens, empfing und bewirtete jedes Mal zahlreiche Besucher. Dazu kamen Yogakurse, ein Englischkurs der Volkshochschule, Hochzeiten, Buchlesungen, Adventsmarkt, Weihnachtsausstellung, Puppenbühne, das Kaffeetrinken des Kirchenchores, für das Gabriele von Reinersdorff noch immer selbst den Tisch eindeckt und den Kaffee kocht. Gut so, denn solche Aktivitäten seien wertvoll für die Gemeinschaft – in der Gemeinde und darüber hinaus.
Nächste Generation in der Verantwortung
Bei all dem tut sich ein großes Aber auf: das fortschreitende Alter von Martins Mutter. „Sie möchte alles nach wie vor bewältigen, für ihre Familie und Gäste da sein, zudem den Garten pflegen, den Haushalt betreuen ... Aber wie lange kann sie das leisten?“ Noch sei sie allein beim Rasenmähen bis zu 20.000 Schritte unterwegs und würde noch schneller laufen, würde der alte Rasenmäher sie nicht ausbremsen. Noch zupft sie Unkraut, pflanzt, kocht, backt. Aber das Alter zeigt eben auch Grenzen auf. „Dem müssen wir uns als nachfolgende Generation stellen.“ Das sei nicht ganz einfach, räumt Martin von Reinersdorff ein. Seine Schwester Brita lebt mit ihrer Familie in Schweden, er selbst in Hamburg. Tochter Sofie studiert in München, Sohn Philipp in Frankfurt/Main. Keiner möchte das Hohenseedener Familienanwesen missen. Die Erbfolge sei inzwischen geklärt. „Brita und ich sind inzwischen Eigentümer“, sagt Martin von Reinersdorff. Größer noch als die juristische Verantwortung sei jetzt, die Brücke in die Zukunft zu schlagen. Damit das Anwesen auch künftig das sein kann, was es bis heute ist: ein offenes Haus, nicht nur für die eigene Familie.