Pauline Sieg, Mitarbeiterin der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises, engagiert sich beruflich wie privat für den Schutz von Fledermäusen. Mit uns spricht sie über die Zwergfledermaus und deren Artgenossen.
Sie „sehen“ mit dem Mund, fliegen mit den Händen und schlafen kopfüber: Fledermäuse gelten als Ausnahmekünstler der Evolution. Mit weltweit rund 1.500 Arten bilden sie – gemeinsam mit den Flughunden – die zweitgrößte Gruppe der Säugetiere. In Deutschland sind 25 Arten nachgewiesen, 17 davon auch im Jerichower Land. Eine, die sich hier besonders heimisch fühlt: die Zwergfledermaus. Ausgewachsen ist sie kaum größer als ein Daumen; mit angelegten Flügeln passt sie in eine Streichholz- schachtel. Ihre Spannweite beträgt 18 bis 24 Zentimeter, ihr Gewicht rund fünf Gramm – etwa so viel wie zwei bis drei Gummibärchen. Gemeinsam mit der Mückenfledermaus ist sie die kleinste Art Deutschlands. Sie erreicht Geschwindigkeiten von bis zu 50 Stundenkilometern und wird fünf bis sieben Jahre alt. Sie lebt gern in menschlicher Nähe und mag Städte. Hat sie ein geeignetes Quartier gefunden, kehrt sie oft über Jahre dorthin zurück.
Wie alle Fledermäuse orientiert sich auch die Zwergfledermaus per Echoortung: Sie stößt hochfrequente Rufe aus, die von Objekten reflektiert werden. Aus dem Echo „berechnet“ sie Entfernungen, Hindernisse – sogar die Größe möglicher Beute. Eine einzelne Zwergfledermaus erbeutet mehrere tausend Insekten pro Nacht. Damit ist sie ein wichtiger natürlicher Regulator – ein ökologischer Dienstleister, dessen Bedeutung häufig unterschätzt wird.
Wann und wo lassen sich Zwergfledermäuse im Jerichower Land beobachten?
Pauline Sieg: Im Sommer fliegen sie schon in der Dämmerung aus – kleine, flinke Silhouetten, die im Zickzack nach Insekten jagen. Wer abends im Garten sitzt, kann sie gut beobachten. Um Mitternacht kehren die Weibchen oft kurz ins Quartier zurück, um ihre Jungen zu säugen. Vor Sonnenaufgang endet der nächtliche Ausflug.
Welche weiteren Arten sind im Jerichower Land vertreten?
Am häufigsten das Große Mausohr – eine typische Kirchenfledermaus. Dann der Große Abendsegler, der bevorzugt in Baumhöhlen lebt – etwa im Bürgerholz bei Burg mit seinen alten Eichen. Er wiegt 19 bis 40 Gramm und erreicht bis zu 60 km/h. Die Mückenfledermaus gilt als „Zwillingsschwester“ der Zwergfledermaus; erst 1999 wurde eindeutig nachgewiesen, dass es zwei Arten mit unterschiedlichen Ruf-Frequenzen sind. Die Breitflügelfledermaus ist ähnlich groß wie der Große Abendsegler. Die Rauhautfledermaus, die alte Wälder liebt und nur etwas größer als die Zwerg- und die Mückenfledermaus ist, gehört zu den Fledermausarten, die auch weite Strecken zurücklegen. Mit dunkelbraunem Fell und hellen Haarspitzen findet sich in der Region zudem die Zweifarbenfledermaus, allerdings eher selten. Die Fransenfledermaus erkennt man an ihren haarartigen Fransen an den Flügelrändern. Die Wasserfledermaus jagt bevorzugt dicht über Gewässern.
Was macht das Jerichower Land zu einem geeigneten Lebensraum?
Die Mischung aus Flusslandschaften, Wiesen, Wäldern und Siedlungen ist ideal. Insektenreiche Gebiete, besonders an Gewässern, bieten reichlich Nahrung. Gleichzeitig gibt es viele Gebäude mit Spaltenquartieren, wo sie leicht Unterschlupf finden.
Warum stehen Fledermäuse auf der Roten Liste?
Weil wir ihre Lebensräume verändern. Insektizide reduzieren ihre Nahrungsgrundlage, Rodungen zerstören Baumhöhlen, energetische Sanierungen verschließen Dachböden und Fassaden. Ihr größter Feind ist letztlich der Mensch. Hinzu kommen natürliche Feinde wie Katzen, Eulen oder Waschbären. Dabei sind Fledermäuse wertvolle Mitbewohner. Studien aus den USA zeigen, dass der Landwirtschaft ohne sie Schäden in Millionenhöhe entstünden, weil Schadinsekten nicht reguliert würden. Eine Zwergfledermaus frisst bis zu 2.000 Mücken pro Nacht, Wasserfledermäuse sogar bis zu 4.000.
Ja, Pauline Sieg kennt sich aus – und ist vom „Fledermausvirus“ infiziert. Nach dem Abitur absolvierte sie ein Freiwilliges Ökologisches Jahr im Fledermaus-Erlebnis-Zentrum „Noctalis – Welt der Fledermäuse“ in Bad Segeberg. „Seither haben mich diese faszinierenden Tiere nicht mehr losgelassen.“ Heute arbeitet die 35-jährige Umweltingenieurin in der Unteren Naturschutzbehörde als Sachbearbeiterin für Natura-2000-Gebiete und gesetzlich geschützte Biotope. Zudem engagiert sie sich im Arbeits- kreis Fledermäuse Sachsen-Anhalt e. V. „Auch privat sind wir eine echte Fledermaus-Fan-Familie“, erzählt sie. „Mein Mann arbeitet ebenfalls mit Fledermäusen, und unsere beiden Kinder begleiten uns häufig.“
Gibt es Vorbehalte gegenüber Fledermäusen in Wohngebieten?
Gelegentlich. Manche befürchten Verschmutzung oder Lärm. Tatsächlich sind Zwergfledermäuse jedoch sehr unauffällig. Ihr Kot – Guano – ist trocken und krümelig, leicht zu entfernen und ein guter Dünger.
Was tun bei Fundtieren?
Wenn ein Bestand auf einem privaten Grundstück festgestellt wird, sollte dieser an uns gemeldet werden – das hilft beim Monitoring. Verletzte oder flugunfähige Fledermäuse vorsichtig mit Handschuhen in einen Schuhkarton mit Luftlöchern und einem Tuch setzen und Kontakt zu uns aufnehmen. Im Juni oder Juli kann es sich auch um ein Jungtier handeln, dem erste Flugversuche missglückt sind. Hier hilft der sogenannte „Sockenturm“: Eine mit warmem Wasser (circa 37 Grad) gefüllte Flasche wird mit einem Strumpf überzogen, in eine Schüssel gestellt und am Abend katzensicher am Fundort platziert. Das Jungtier dann obenauf setzen – so kann die Mutter es wieder problemlos aufnehmen.
Was ist bei Sanierungen oder Abriss von Gebäuden zu beachten?
Bei besetzten Sommer- wie auch Winterquartieren ist in der Regel eine artenschutzrechtliche Ausnahmegenehmigung erforderlich. Geeignet sind meist Zeiträume zwischen Mitte August und Oktober, bei ausschließlichen Sommerquartieren kann auch
während des gesamte Winterhalbjahres saniert werden. Während der Kinderstube und des Winterschlafs dürfen die Tiere nicht gestört werden. Besteht Verdacht auf einen Fledermausbesatz, sollte die Untere Naturschutzbehörde informiert werden. So lassen sich mögliche Konflikte frühzeitig besprechen. Sanierungen können auch gleich genutzt werden, um neue Quartiere zu schaffen – zum Beispiel mit in die Fassade integrierten Fledermauskästen.
Warum sollten wir uns für diese Art einsetzen?
Weil sie Teil eines funktionierenden Ökosystems ist. Jede Art erfüllt eine Rolle. Wer die Zwergfledermaus schützt, schützt auch Lebensräume, Insektenvielfalt und strukturreiche Landschaften. Am Ende geht es um mehr als um eine kleine Fledermaus. Es geht um Biodiversität, um das Gleichgewicht unserer Ökosysteme – und um die Frage, welchen Platz wir anderen Arten zugestehen. Wenn an einem warmen Sommerabend die erste Zwergfledermaus über den Garten huscht, ist das vielleicht der schönste Beweis dafür, dass dieses Miteinander noch funktioniert.
Ansprechpartner und Beratung in Sachsen-Anhalt
- Untere Naturschutzbehörde des Landkreises Jerichower Land
Zuständig bei Fragen zu Quartieren in Gebäuden, Sanierungen und artenschutzrechtlichen Genehmigungen
- Arbeitskreis Fledermäuse Sachsen-Anhalt e. V. (AKFSA)
Ehrenamtliches Netzwerk mit regionalen Ansprechpartnern (u. a. Beratung und Monitoring)
- NABU Sachsen-Anhalt
Beratung, Öffentlichkeitsarbeit und Artenschutzprojekte
- BUND Sachsen-Anhalt e. V.
Engagiert im praktischen Artenschutz, u. a. mit Projekten wie dem Artenschutzturm „ArTur“
- Fledermauskompetenzstelle Sachsen-Anhalt
Fachliche Beratung und landesweite Koordination im Fledermausschutz
- Landesamt für Umweltschutz Sachsen-Anhalt
Fachbehörde mit Expertinnen und Experten für Arten- und Habitatschutz
Batnight - Fledermäuse live erleben
Wer die lautlosen Jäger einmal aus nächster Nähe erleben möchte, sollte sich die „Batnight“ am letzten Augustwochenende vormerken. Mit Vortrag, Batdetektor und einem Blick in einen Fledermauskasten bietet sie spannende Einblicke aus erster Hand.